ein Bild von dem Baptisterium in Florens in der Kuppel zu sehen die Engelchöre

Die Geschichte der Erzengel

Das Wort Erzengel kommt aus dem Griechischen und Lateinischen und soll aufzeigen, dass es sich um einen »Vorsteher«, einen »höchsten Engel« handelt. Im Alten Testament (AT), das fünf oder sechs Engelsfürsten erwähnt, wird der Name des mächtigen Fürsten Michael (im Buch Daniel) dreimal genannt. Die Bezeichnung »Erzengel« war dem AT und auch sonst in der Antike unbekannt.  Doch es heißt im Buch Tobias (12,15): "Ich bin Raphael, einer von den sieben heiligen Engeln, die die Gebete der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät Gottes treten."


Im Neuen Testament wird der Erzengel Michael ausdrücklich im Judasbrief (1,9) genannt: "Als der Erzengel Michael mit dem Teufel rechtete und über den Leichnam des Mose stritt, wagte er nicht, den Teufel zu lästern und zu verurteilen, sondern sagte: Der Herr weise dich in die Schranken." Die Offenbarung des Johannes (1,4 und 12,7)  nennt unter den sieben Geistern/ Engeln Gottes ausdrücklich Michael: "Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien: Gnade sei mit euch und Friede von Ihm, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern vor seinem Thron" und "Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften"


Das Neue Testament (NT) erst kennt den »Erzengel« und nennt ein einziges Mal einen solchen mit Namen: Michael. Die »Sieben«, eine im AT gottgewollte Vollkommenheitszahl, greift das Buch Tobit (12, 15) für die sieben Engel auf, die das Gebet der Heiligen emportragen und vor die Majestät des heiligen Gottes treten, so auch Johannes für die Sieben Engel der Apokalypse. Sieben Männer wählten die Apostel für die Diakonia, den Dienst an den Tischen (Apg 6,1 - 8,1a). Diese »Sieben« hat wahrscheinlich ihr Zahlenvorbild in den »Sieben einer Stadt«, den sieben Hirten (Vorstehern) des jüdischen Ortsvorstands. Darauf geht die Zahl der späteren sieben Erzengel zurück. Noch die Synode von Laodicea (zweite Hälfte des 4. Jhdts.) erkennt nur die drei namentlich in der Bibel genannten Engel —Michael, Gabriel und Raphael — an; aber der Kult anderer, nicht kanonischer Engel bestand trotz katholischer Widerstände weiter. Die Synode von Rom (745) verurteilte ein Gebet, das die Namen Uriel, Raguel und Tubuel erwähnte.

Der Erzengelkult war zunächst im ost-kirchlichen Raum verbreitet und erstreckte sich auf vier: Michael (insbesondere in Konstantinopel), Gabriel, Raphael und Uriel. Auf den Mosaiken von S. Maria Maggiore in Rom (4./5. Jhdt.), S. Apollinare Nuovo in Ravenna (520-530) und auf den byzantinischen Mosaiken aus normannischer Zeit (12. Jhdt.) auf Sizilien (Apsis im Dom von Monreale; Vierung der Martorana-Kirche in Palermo) wie auf dem Kuppelfresko in der Verklärungskirche in Nowgorod (1378) erscheinen, in ewiger Anbetung begriffen, eben diese vier namentlich bezeichneten Erzengel. Eine apokryphe Vita Johannes des Täufers erzählt, dass Christus Zacharias, den Vater des Johannes, erweckt habe, um ihn zusammen mit Johannes zu taufen. Die vier Erzengel hätten Zacharias dann vor dem Jerusalemer Altar begraben.

Für die Namen der Sieben (Michael, Gabriel, Raphael, Uriel, Jehudiel, Barachiel und Salathiel/Sealtiel) spielte eine große Rolle die Vision des Amadeus Ménes de Silva (1420-1482). Als man 1516 ein altes Fresko mit sieben Erzengeln in der Kirche »Sette Angeli« in Palermo entdeckte, breitete sich der Kult der Sieben über Italien hinaus aus. Die Malerei in Palermo, der J. Durand 1886 eine Studie widmete, ist nur schriftlich überliefert. Bekannt sind aber Namen und Attribute der Erzengel. Diese wurden nach dem Befund von Palermo im Westen im 16. Jahrhundert neu geordnet, denn der sizilianische Priester Antonio Lo Duca hatte bei Papst Pius IV. die Errichtung der Kirche Santa Maria degli Angeli in Rom (1560-1566) durchgesetzt, obwohl noch unter Pius IV. die Namen der Sieben auf dem Bild der Maria wieder getilgt wurden.

Katholische Theologen bestanden weiter auf der Siebenzahl. In den folgenden Jahrhunderten folgte auch die Ostkirche (nur in Russland und danach in Serbien) mit diesen Sieben und einem achten Erzengel (Jeremiel) nach, zuerst (?) in der Kuppelausmalung der 1754 erbauten Andreas-Kirche in Kiev. Die russische orthodoxe Kirche (auch die russischen Altgläubigen) erkennt somit acht Erzengel an: Michael, Gabriel, Raphael, Uriel, Salathiel, Jehudiel (kirchenslavisch: Jegudiel), Barachiel und Jeremiel.

Diese (vor allem die Tetrade Michael, Gabriel, Uriel und Raphael, die am Thron Gottes Stehenden) und weitere nichtkanonisierte Engelfürsten findet man in den jüdischen Apokryphen und dem Talmud:
Metatron (Mittaron neben dem Thron, der Engel der feurigen Säule nach Ex 13,21 und 14,19ff., der die Juden führte), Piel (= »Gott zeichnet aus«, der Lehrer Jakobs, der mit ihm kämpfte), Remiel, Sariel, Anael (Ananyal), Raguel, Raziel (Radziel = »Geheimnisse Gottes«, vertrieb Adam aus dem Paradies), Fanuel und Sadakyal (Sedekiel oder Zadkiel »göttliche Gerechtigkeit«). Solche Namen listet u. a. die Handschrift »Speculum humanae salvationis« auf.

Insbesondere die christlichen kleinasiatisch-kappadokischen Denkmäler führen die Namen anderer Erzengel: Misrael (in Carikli Kilise), Phiogotheel (Elmali Kilise und Karanlik Kilise) und Sychael (Karanlik Kilise, ein Erzengel, der in Anligen von Fieberkrankheiten angerufen wurde). Ein Amethyst-Siegel überliefert nur die Namen: Raphael, Renel, Uriel, Michael, Gabriel und Azael. Auf einer Gabriel-Ikone aus dem 16. Jahrhundert in der JohannesLampadistes-Kirche in Zypern sind sechs Erzengel dargestellt: Gabriel, Sychael, Goael, Uriel, Raphael und Phloriel.

In der jüdischen Kabbala (12.-17. Jhd.) werden den sieben Hauptengeln bestimmte Wochentage, Farben und Planeten zugewiesen: Michael — Sonntag, Sonne und Goldgelb; Gabriel — Montag, Mond und Silbergrau; Samael — Dienstag, Mars und Rot; Raphael — Mittwoch, Merkur, das Spektrum; Sedekiel — Donnerstag, Jupiter und Blau; Anael bzw. Barakiel — Freitag, Venus und Grün, Lichtrosa und Lichtblau; Sabbataios/Schepteel — Samstag, Saturn und Schwarz. Insbesondere die Kabbalisten versuchten, durch die geheime Kunst der Gematrie die Namen der diversen Engel herauszufinden. Man kam durch Vertauschung und spekulative Deutung der Buchstaben-Zahlenwerte bestimmter Wörter im Buch Exodus 14, 19-21) auf 72 (!) Namen der Engel, die in der »weißen Magie« (Theurgie) als Vermittler angerufen wurden. Augustinus warnte die Engelbeschwörer, dass sie in Gefahr seien, statt dessen Dämonen heraufzubeschwören. Gegen solche und andere magisch-astrologische Vorstellungen in Verbindung mit Engeln hat sich u. a. Kosmas von Jerusalem gewandt, als er von den Lehren der Magier, des Zoroaster, Ostanes und Hystaspes sprach. Man hat eine gewisse Abhängigkeit der Darstellung der sieben Erzengel von solchen Vorstellungen in der Synaxis nicht übersehen, doch auf Ikonen sind sie (noch) nicht nachgewiesen worden.

So ist es in sich logisch, dass russische Ikonen bis ins 18. Jahrhundert hinein nur die Namen von vier Erzengeln — Michael, Gabriel, selten Raphael und noch seltener Uriel — wiedergeben. Erst die  Ikonen jüngerer Zeit [18. Jhd aufwärts] aus dem Südwesten Russlands (Ukraine, Weißrussland) weisen die Namen aller sieben bzw. acht Erzengel auf. Im 17. Jahrhunde waren ja die Grenzen zwischen Orthodox und der Union mit Rom im kleinrussischen Raum in Bewegung geraten. Polen und die römisch-katholisch beeinflussten Kiever Theologen sowie niederländische Stiche waren die Vermittler.

Die Ikonographie, insbesondere szenische Darstellungen zahlreicher Wunder der Erzengel, wurde entscheidend beeinflusst von den byzantinischen Monatsbüchern (Menäen) des griechischen Stundengebets (ähnlich unseren westlichen Lesehorebüchern; Ende 8. Jhd.), die später Simeon Metaphrastes (+ 940) und andere byzantinische Schriftsteller ergänzt haben. Eine große Rolle im Engelkult spielten andere ältere Schriften, aber auch neuere Kompilationen wie »Wunder und Lobpreis des Erzengel Michael« (eine griechische Handschrift aus dem 12. Jhd. im Historischen Museum Moskau) des byzantinischen Diakon und Schriftstellers Panteleonos und der  »Kodex Damaskinos« von Damaskino (Ende 16. Jhd.). Erste Übersetzungen der Monatsbücher ins Kirchensklavische hatten bereits die Sklavenapostel Kyrill und Methodius im  9. Jhd. geliefert. Für die russische Ikonenmalerei war von großer Bedeutung , dass Erzbischof Gennadij 1499 die noch nicht ins Kirchenslavische übersetzten Bücher des Alten Testaments (u.a. 1, 2 und 3 Esra, Tobit) übersetzte, und dass etwa später der russische Metropolit Makarij seine berühmten »Großen Lesemenäen« edierte. Der letzte Band der Makarij-Menäen wurde 1552 fertiggestellt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter den Erzengeln das Paar Michael und Gabriel eine herausragende Stellung inne hat. An zweiter Stelle folgt Gabriel (allein) und mit großem Abstand auch Uriel. Das gilt sowohl für die byzantinisch- wie für dien russisch-orthodoxe Kirche. Nach der Mitte des 18. Jahrhunderts haben Moskauer Theologen zwar weitere drei Erzengel, die von Rom und Kiev propagiert wurden, anerkannt und sogar einen vierten (Jeremiel) hinzugefügt, wodurch sich die Zahl acht ergab. Dennoch wurden nicht acht, sondern sieben Erzengel auf Ikonen gemalt — außer in »Kleinrussland«, d.h. in der Ukraine und Weißrussland.

In deutschsprechenden Landen gibt es vereinzelt Kirchen, in denen die 7 Erzengel dargestellt sind. So in der Kirche von Mettenheim bei Mühldorf (Bayern) und in der Kirche (Unterkirche der Pfarrkirche) von Oetz im Oetztal in Tirol. In Mettenheim sind folgende Engel mit Namenschild dargestellt: Michael, Raphael, Uriel, Jehudiel, Barachiel, Sealtiel und der Schutzengel Namens Abdiel, und ohne Namenschild Gabriel. Bilder der Erzengel von Mettenheim kannst du sehen auf Seite http://br-thomas-apostolat.de/heiligen/Erzengel.htm
Ebenso wurden vereinzelt Gebetsbildchen zu Ehren der 7 Erzengel heraus gegeben. So ein Bildchen Anfang des letzen Jahrhunderts von Carl Poellath, Schrobenhausen.


In der Zeitschrift "Erneuerung in Christus, Salvator Mundi", Nr. 5/2001 Sept/Okt, 10. Jahrgang, Erscheinungsort Gaming, wurde ein jüngeres westliches Bild von den 7 Erzengeln mit dem Titel: "Maria, Mutter der Kirche" veröffentlicht. Hier sind sie ohne Namen, aber mit Wortbändern dargestellt.