 
Engel
wenn man die Augen offen
hält, wird man immer wieder auf das Wort Engel stoßen. Und bei genauem Hinsehen
fällt auf, dass die Bedeutung von Engel unterschiedlich verwendet wird. Je
nachdem wer das Wort benutzt, meint etwas anderes.
So kann die berechtigte
Frage aufkommen: „Wie steht es denn jetzt um die Engel? Gibt es sie, oder sind
sie nur eine Art Gespenster, eine Einbildung der Menschen? Oder sind sie gar
Menschen?" Es ist die Frage nach der Existenz der Engel.

Die Existenz der Engel
eine Glaubenswahrheit
Die deutschen Bischöfe
schreiben in dem Erwachsenenkatechismus, dass „ein ernsthaftes Sprechen über die
Engel ist auch deshalb schwierig, weil wir dabei an Grenzen der menschlichen
Aussagemöglichkeiten geraten" (KEK S. 109). Ein ernsthaftes Sprechen über Engel
ist deshalb schwierig, weil die Engelwelt ein Bereich ist, der mit der
Naturwissenschaft nicht beweisbar ist. Die Naturwissenschaft stößt an die Grenze
ihre Möglichkeiten und zeigt damit auf, wie begrenzt ihr Horizont ist.

Die Kirche hat sich immer
zu der Existenz der Engel bekannt. Auf dem 4. Laterankonzil (1215) stellt die
Kirche in einer Definition gegen die Albigenser und Katharer klar, dass der
dreifaltige Gott „der Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, des Geistigen
und des Körperlichen (ist): er schuf in seiner allmächtigen Kraft vom Anfang der
zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen, die geistige und die körperliche,
nämlich die der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die
gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht"

Auf dem I. Vaticanum
(1870/71) wurde diese Aussage noch einmal bekräftigt: „(Gott hat) aus völlig
freiem Entschluss vom Anfang der Zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen
geschaffen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der
Welt: und danach die menschliche, die gewissermaßen zugleich aus Geist und
Körper besteht"

Papst Pius XII. nimmt 1950
in seiner Enzyklika „Humani generis" Stellung zu den neuen theologischen
Tendenzen und stellt klar, dass die Engel persönliche Geschöpfe seien und sich
die Materie wesenhaft vom Geist unterscheide. Alles andere widerstreitet
freilich den Erklärungen des I Vaticanums
Auch das II. Vaticanum
bekennt sich zu der Existenz von Engel. So heißt es in Artikel 49 der
Konstitution über die Kirche: „Bis also der Herr kommt in seiner Majestät und
alle Engel mit ihm". Und in Artikel 50 derselben Konstitution bekennen die
Konzilsväter: „Dass aber die Apostel und Märtyrer Christi, die mit ihrem Blut
das höchste Zeugnis des Glaubens und der Liebe gegeben hatten, in Christus in
besonderer Weise mit uns verbunden seien, hat die Kirche immer geglaubt, sie hat
sie zugleich mit der seligen Jungfrau Maria und den heiligen Engel mit
besonderer Andacht verehrt."

Der Katechismus der
Katholischen Kirche (KKK) bekräftigt diese Glaubenswahrheit: „Dass es geistige,
körperlose Wesen gibt, die von der Heiligen Schrift für gewöhnlich Engel genannt
werden, ist eine Glaubenswahrheit. Das bezeugt die Schrift ebenso klar wie die
Einmütigkeit der Überlieferung"

Grundlage dieser
Glaubenswahrheit
Die Existenz der Engel ist
nicht eine Erfindung der Kirche. Sie hat sie nicht erfunden, um evtl. Kindern
ein schönes Märchen erzählen zu können oder ein Machtinstrument in den Händen zu
haben, um die Gläubigen zu unterdrücken.
enn die Kirche etwas
verkündet, dann weiß sie sich der Offenbarung (der Bibel) verpflichtet. Sie kann
nicht etwas verkünden, was nicht dem Willen Gottes entspricht. So ist die
Grundlage ihrer Engellehre und ihrer Entwicklung die Heilige Schrift. Alles was
sie über die Engel lehrt, hat seine Grundlage in der Bibel, in der sie die
Offenbarung Gottes sieht.

Das Wort Engel kommt in der
Bibel 305 mal vor. Die Engel lassen sich sowohl im Alten Testament als auch im
Neuen Testament finden. Und anhand der Stellen, in denen die Engel vorkommen,
kann man aufzeigen, dass es Engel gibt und dass sie die verschiedensten Aufgaben
übertragen bekommen haben. Wer die Bibel als die Offenbarung Gottes ernst nimmt,
kann an der Existenz der Engel nicht vorbei. Denn in der Bibel wird ganz
selbstverständlich von den Engel gesprochen. Sie sind Geschöpfe Gottes und haben
ihre Aufgabe von Gott zugeteilt bekommen.

Im Laufe der Geschichte hat
es Engelerscheinungen gegeben. Hier sei nur an die Engelerscheinung in Fatima
erinnert. Ein Engel erschien den drei Sehern und lehrte sie ein Gebet. Diese
Erscheinungen können nicht die Grundlage der Lehre der Kirche bilden. Sie zeigen
aber, dass Engel existieren.

Dass die Existenz der Engel
geleugnet wird
ist nicht erst ein Erscheinungsbild unserer Zeit. Schon zur Zeit
Jesu gab es eine Gruppe, die nicht nur die Existenz von Engeln geleugnet haben,
sondern auch die Auferstehung bezweifelten. Es ist die Gruppe der Sadduzäer. Wir
leben heute in einer Zeit, in der der Glaube nicht mehr viel zählt. Oft gewinnt
man den Eindruck, dass man ohne Glauben besser durch das Leben kommt. Daher ist
es nicht verwunderlich, wenn in einer Zeit der Verdunstung des Glaubens immer
weniger Menschen an Engel glauben, obwohl der Glaube an Engel in der Esoterik
eine Renaissance erlebt. Doch die heutige Misere hat ihre Anfänge nicht in
unserem Jahrhundert.
Die Wurzeln des Schwindens
des Glaubens an die Engelwelt reichen bis Luther zurück. In den Jahren 1531 und
1533 hielt Luther seine berühmten Engelpredigten. In diesen Predigten wandte er
sich gegen die übertriebene Verehrung des Erzengels Michaels, und meinte, dass
es sich um Abgötterei hielt. Man könne die Engel nicht leichtsinnig an die
stelle Gottes setzten. Schon 1528 schrieb Luther in der Wunderpostille, dass man
die Engel nicht anbeten und nicht auf sie vertrauen soll. Dennoch muss man sich
davor hüten, Luther nachzusagen, er habe nicht an die Engel geglaubt. Er lehnt
zwar die Engelverehrung als Abgötterei ab; dennoch sah er ihre geistige
Realität.

Einen weiteren Grund liefert
Galileo Galilei (1564-1642). Der Grund für die Leugnung der Engel liegt nicht in
seiner Entdeckung, dass sich die Erde um die Sonne dreht, sondern vielmehr
darin, dass er die Naturwissenschaft aus der Theologie herauslöste. Er machte
die Erfahrung zur Grundlage der Naturwissenschaft und setzte die
Naturwissenschaft über die Theologie. Dieses führte zu einem arroganten Hochmut
der Naturwissenschaftler. Sie meinten, nur das, was gemessen werden kann, ist zu
glauben. Und das ist heute bei vielen anderen Naturwissenschaftler nicht anders.
Wenn sie in ihr Laboratorium gehen, hängen sie ihren Glauben und ihr Gewissen an
den Nagel, wenn sie dieses noch haben.

Die Philosophie trug
ihrerseits dazu bei, dass es durch ihre Denkansätze, wie Empirismus, Idealismus,
Rationalismus und Kritizismus (Kant) und Humanismus (Schleiermacher), zu einem
Abbruch mit der Tradition kam.

Engel wurden zu einer
religiösen Bildersprache. Die Engel wurden nicht mehr als reale Geschöpfe
angesehen und somit ihre Existenz geleugnet. Denn in einer „modernen Welt" kann
es nur nüchtern und entmythologisiert zugehen. In diesem Zusammenhang schreibt
der evangelische Theologe Rudolf Bultmann (1884-1976), dass man nicht
elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne
medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die
Geister- und Wunderwelt des Neuen Testamentes glauben kann. So werden die Engel
als „metaphysische Fledermäuse" deklassiert. Die protestantische Aufklärung hat
dem frommen Umgang mit den Engeln ein Ende gesetzt.

Deutlich wird die
Säkularisierung des Engelbildes in der Kunst. Im 2. – 10. Jh. fehlen die Engel
in keiner Glaubensdarstellung. Hier sei nur an die Ikonen erinnert (vgl. Ikone
von der „immerwährenden Hilfe"). Sie werden entweder mit einem Nimbus oder mit
Flügeln dargestellt. Es gibt aber auch Darstellungen, bei denen sie mit beidem
ausgestattet sind. Im 13. Jh. tritt eine Änderung bei der Darstellung von Engeln
ein. So werden sie als musizierende Engel gemalt, besonders in Szenen aus dem
Leben Mariens. Im 15. Jh. gibt es wieder eine neue Ansicht. Die Engel werden als
Kinder abgebildet. So findet man auf den Darstellungen fast ausschließlich
Kinderengel. In der Renaissance werden diese Kinderengel durch antikisierte
Putten ersetzt. Seit dem 16. Jh. gibt es Engelbilder als Kinder und/oder mit
Flügeln.

In der Kunst wird auch
die Meinung vertreten, dass man ebenso wenig einen Himmel ohne Engel darstellen
kann, wie einen Frühling ohne Blumen. Wenn in der heutigen Zeit überhaupt noch
Engel gemalt werden, dann werden sie als menschliche Wesen mit zwei Flügeln
dargestellt oder aber als Putten.

Zusammenfassend kann man
sagen, dass der Verlust des Engelbildes in der Reformation seinen Beginn nahm
und über die Renaissance, Aufklärung bis in die heutige Zeit weiter um sich
griff. Was heute noch schlimmer ist als die Leugnung der Engel, ist die sich
ausbreitende Gleichgültigkeit. Es ist egal, ob es Engel oder Gott gibt;
Hauptsache ich habe mein Vergnügen, meinen Kick im Leben.

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